2. Sprechen lernen




Meine Zeichnung ist bildgewordener Blick: der Blick meiner Augen auf den mir sichtbaren Teil der Welt.
‚Zeichnen nach der Natur‘ ist mir ein Dialog mit der mir sichtbaren Wirklichkeit.

Was aber soll es dann bedeuten, etwas naturgetreu zu zeichnen? Ist es der Versuch auf dem Blatt etwas zu erzeugen, was die Augen des Betrachters täuscht – geht es also um Illusion?

Bild: Baumgruppe in Halden (Tuschezeichnung, 1993)

Wenn ich zeichnend die ‚Natur der Dinge’ studiere, geht es mir nicht um ein detailgetreues Nachahmen oder  Abbilden der sichtbaren Welt und erst recht nicht darum, eine optische Illusion dieser Dinge auf dem Bildgrund zu erzeugen.
Gleichwohl bemühe ich mich um das Wiedererkennen der Dinge im Bild. Wie sollte denn ein ‚Studium der Natur’ auch aussehen, wenn die sichtbare Wirklichkeit nicht Orientierung und Maßstab wären?
Bild: Hof in Forcalquier-Frankreich (Filzstift-Zeichnung, 1999)
Bild: Pinienwald im Midi (Bleistiftzeichnung, 1999)




Ich zeichne nicht die Dinge
sondern mein Sehen der Dinge.

Zeichnend mache ich mein Sehen,
meine Wahrnehmung der Dinge sichtbar.

Zeichnend bilde ich nichts ab,
sondern bringe ich etwas hervor.

Bild: Haus in Vounaria-Griechenland (Bleistiftzeichnung, 1993)

Mein Zeichnen ‚nach der Natur’ ist lediglich der Versuch, in der Sprache der Sichtbarkeit sprechen zu lernen.
Wie die gesprochene Sprache gehorcht auch die Sprache der Sichtbarkeit einer Eigengesetzlichkeit, der der Schaffende ebenso unterworfen ist wie seinerseits der Sprechende.
Wie die gesprochene Sprache dient auch die Sprache der Sichtbarkeit der Verständigung (wenn auch ein Künstler nicht viel Wert darauf legen sollte,
dass ihn jeder versteht).
Zitat: André Malraux: "Mit der eigenen Stimme sprechen lernen."
Zitat: Alber Camus über das Verhältnis der Kunst zur Wirklichkeit.
Zitat. Charles Beaudelaire fordert vom Künstler der eigenen Natur treu zu bleiben.